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Jennifer Muhr über den Beruf des Theaterautors. Der Beruf des Hausautors/der Hausautorin hat am Nationaltheater Mannheim eine lange Tradition: Erster „Theaterdichter“ dieser Bühne – so die Bezeichnung vor 227 Jahren – war Friedrich Schiller. Der damalige Intendant, Freiherr von Dalberg, erkannte nach der Uraufführung der Räuber das Talent des jungen Schriftstellers und verpflichtete ihn für ein Jahr vom 1. September 1783 bis zum 31. August 1784. Über seinen Vertrag schrieb Schiller in einem Brief an Caroline von Wolzogen am 11. September 1783: [...] Ich bleibe bis auf den Mai 1784 hier, und folgende Punkte sind unter uns festgesetzt: Bekommt das Theater von mir drei neue Stücke – den „Fiesco“ – meine „Luise Millerin“ – und noch ein drittes, das ich innerhalb meiner Vertragszeit noch machen muß. [...] Schillers Dramen Als der Vertrag in Kraft trat, hatte Schiller Die Verschwörung des Fiesco zu Genua bereits vollendet. Von Dalberg lehnte das Stück jedoch ab, nachdem Schiller es in seiner schwäbelnden Aussprache vorgetragen hatte. Erst die Fürsprache des Schauspielers August Wilhelm Iffland, dem das Stück gefallen hatte, konnte von Dalberg umstimmen. Allerdings musste Schiller das Stück überarbeiten und den Schluss versöhnlich gestalten. Die Aufführung im Januar 1784 war jedoch kein Erfolg; ganz im Gegensatz zu seiner Luise Millerin, die er – Ifflands Vorschlag folgend – in Kabale und Liebe umbenannte. Das dritte Stück sollte der Don Karlos sein. Auf die im Vertrag vorgesehenen Einnahmen zweier Vorstellungen verzichtete er gegen einen Fixlohn von 200 Gulden, die ihm ratenweise ausgezahlt wurden. In den Quittungen darüber heißt es: [...] Als im Juni 1784 sein Vertrag auslief und nicht verlängert wurde, fand Schiller sich schlecht behandelt und verhöhnt. Im April 1785 verließ er Mannheim entnervt, gesundheitlich durch ein Nervenfieber stark angeschlagen und am Rande des finanziellen Ruins. Die Bedingungen der Hausautorenschaft heute Nach Schiller hatte das Mannheimer Nationaltheater über 200 Jahre keinen Theaterdichter. Wieder eingeführt wurde die Einrichtung des Hausautors zur Spielzeit 1996/1997 unter der Intendanz von Bruno Klimek. Die Bedingungen der Autoren und Autorinnen sind heute sehr viel besser als zu Zeiten Schillers, zumal das Stipendium nicht mehr an ein „Stückpensum“ gebunden ist. Idealerweise entsteht zwar während der Förderung ein Stück, das dann auch am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wird, es gibt dazu aber keine Verpflichtung. Heutzutage geht es primär darum, AutorInnen eine Plattform zu bieten, damit sich im Laufe der Zeit ein neuer Kanon herausbilden kann. Die Nachhaltigkeit ist also von zentraler Bedeutung. Wie zu Schillers Zeiten erstreckt sich die Förderung über eine Spielzeit, beläuft sich also über knapp ein Jahr. In dieser Zeit wird dem Hausautor eine Wohnung in Mannheim gestellt und er bezieht ein Stipendium von den Freunden und Förderern des Nationaltheaters Mannheim e.V. Im Gegenzug ist er dazu angehalten, so oft wie möglich in der Stadt zu sein; er muss aber nicht ausschließlich für das Theater Mannheim arbeiten. Entsteht während dieser Zeit ein Stück, wird es am Nationaltheater uraufgeführt, danach liegen die Rechte beim Autor oder – wie es theaterüblich ist – bei seinem Theaterverlag. Bei der Wahl eines Themas ist der Autor frei. Da er sich aber idealerweise viel am Theater aufhält und mit Intendanz und Dramaturgie über seine Arbeit spricht, wird er sein Stück wahrscheinlich an die Gegebenheiten des Hauses (wie die Raumnutzungs- und Dekorationsmöglichkeiten) anpassen oder eine Rolle für eine bestimmte Schauspielerin oder einen Schauspieler schreiben. Heute wie damals kann man sich auf die Hausautorenstelle nicht bewerben: Intendanz und Dramaturgie des Bereichs Schauspiel vergeben sie aufgrund einer herausragenden Begabung als DramatikerIn und auch daraufhin, wie der betreffende Autor oder die Autorin ins Profil des Hauses passt. Nach Ablauf des Stipendiums besteht für sie oder ihn keinerlei Verpflichtung gegenüber dem Nationaltheater. Aber das Theater Mannheim fördert natürlich mit dem Ziel, eine längerfristige Arbeitsbeziehung zwischen dem Haus und der entsprechenden Autorin herzustellen. Die Vorteile für den Autor: Er erlangt Einblick in die praktische Arbeit am Theater und kann eine Spielzeit lang ungestört arbeiten. Außerdem erhält er freie Unterkunft und ein Stipendium. Eine etwaige Uraufführung bringt ihm öffentliche Aufmerksamkeit und erhöht sein Ansehen. Die HausautorInnen Mannheims seit Schiller Seit Friedrich Schiller gab es dreizehn HausautorInnen. Albert Ostermaier (1996/97) war der erste von ihnen. In einem Gespräch mit Josef Bielmeier, das der Bayerische Rundfunk sendete, versucht er, seine Rolle als Hausautor historisch einzuordnen: [...] Im Gegensatz zu Albert Ostermaier scheint seine Nachfolgerin, Simone Schneider (1997/98), keine besondere Beziehung zu Mannheim aufgebaut zu haben. Nach der Auftragsarbeit Orwell. Ein Stück unter der Regie von Armin Petras schrieb sie während ihrer Förderung kein einziges Stück für das Haus. „Somit hinterließ sie keinen bleibenden Eindruck in der hiesigen Kulturlandschaft, ebenso wenig hinterließ wohl die Stadt nachhaltige Empfindungen in ihr und ihrem Werk.“5 Sie scheint jedoch eher eine Ausnahme zu sein. Durchweg positiv äußert sich nämlich auch Werner Fritsch über seine Zeit am Nationaltheater (1998/99). „Vor allem die angenehme Atmosphäre des Theaters und die kollegiale Stimmung innerhalb des Ensembles seien ihm in schöner Erinnerung geblieben. Gerne blickt er auf die Abende im Casino zurück, wo unter anderem eine Werkschau seiner Arbeit gezeigt wurde. Die Autorenwohnung in der Alten Feuerwache habe sich als ein exzellentes Refugium erwiesen, da sie ihm konzentriertes Arbeiten an einem Ort ermöglichte. [...] Das Mannheimer Publikum habe er als sehr aufnahmefreundlich und aufgeschlossen erlebt. Dies sei in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit, betont Fritsch. Das Hausautorenstipendium erachtet er als eine hilfreiche Einrichtung: Die Institution sei grundsätzlich sehr schön, sie ermögliche einen freien Lebensstil und sorgloses Schreiben, was wiederum die Kreativität der Künstler fördere, lobt Fritsch.“ Zusammen mit seinen beiden Vorgängern Ostermaier und Schneider entwickelte Fritsch das Triptychon Lost Angels, wozu er die umgearbeitete Fassung seines Romandebüts Cherubim beisteuerte. Auch der Schweizer Andri Beyeler, manchem bekannt als Autor prämierter Kinder- und Jugendtheaterstücke wie the killer in me is the killer in you my love (mit dem er den Deutschen Jugendtheaterpreis 2004 gewann), hat einen Text über seine Hausautorenzeit (2002/03) hinterlassen: [...] Tim Crouch, bekannt für die Prozesshaftigkeit und den einzigartigen Live-Charakter seiner Stücke, war der erste nicht deutschsprachige Hausautor am Nationaltheater Mannheim (2004/05) und bislang auch der einzige. Er zeigte während seines Aufenthalts unter anderem sein englischsprachiges Stück An Oak Tree. Mit Tine Rahel Völcker zog dann 2005/06 erstmals eine studierte Autorin in die Hausautorenwohnung ein: Tine Rahel Völcker hat Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin studiert, in Mannheim entstand ihr Stück Charlotte sagt: Fliegen. Jan Neumann als Hausautor in Mannheim (2008/09) Es lohnt sich, einen Hausautor beispielhaft etwas genauer zu betrachten. In einem Gespräch mit den TeilnehmerInnen des Seminars Von Friedrich Schiller bis Jan Neumann. Hausautoren am Nationaltheater Mannheim vom Januar 2009 erzählte der damals 34-jährige Wahlberliner und Schauspieler Jan Neumann, er sei der Auffassung, man könne „mit ein bisschen Empathie, Einfühlungsvermögen und Fantasie jeden Menschen verstehen und sein Verhalten weitgehend erklären“. In seinen Stücken schafft er im Stil von Brechts epischem Theater durch die Distanz des Erzählers Nähe. Jan Neumann: „Die große Kraft des Theaters ist es, die Fantasie des Zuschauers zu aktivieren, das können Filme nur selten, da man karg sein muss.“ Er bezeichnet Geschichtenerzählen als Urtheater und glaubt „an das Prinzip, dass man theoretisch einen Schauspieler hinstellen kann, der 2 Stunden lang eine Geschichte erzählt, ohne dass etwas passiert. Wenn die Geschichte und der Schauspieler gut sind, wird es kein Problem sein. Es ist für mich die purste Form und eigentlich die Verweigerung von dem, was man denkt, im Moment im modernen Theater machen zu müssen. Das würde ich schon als Haltung beschreiben.“ Die Technik der Stückentwicklung Während seiner Zeit als Hausautor am Mannheimer Nationaltheater schuf Jan Neumann das Stück Königs Moment, das von der Lebenskrise eines Mannes handelt. Entstanden ist das Stück mit Hilfe der Technik der Stückentwicklung: Die Stückentwicklung ist ein Prozess, bei dem der Autor mit Hilfe von Impulsen der Schauspieler in wenigen Wochen ein vollständiges Theaterstück erarbeitet. Laut Jan Neumann gibt es bei der Stückentwicklung kein Patentrezept. Eine Stückentwicklung ist jedes Mal anders und hängt auch von den Schauspielern ab: [...] Die Ideenphase Darauf folgt bei ihm die sogenannte Ideenphase. Sie sei geprägt von einer ungezügelten Neugierde an allem, was ihn umgibt. Dabei werden sowohl Experteninformationen gesammelt als auch Meinungen und Berichte von Schauspielern, die ihm so einen Einblick in ihr Leben und ihre Ansichten gewähren. Erste Anregungen für das Stück ergeben sich dann durch lockere Improvisationen und Referate zu relevanten Themen. Dabei kommt es nicht immer auf die Ergiebigkeit der Resultate an. Vielmehr geht es um gedankliche Kettenreaktionen, die erst durch zahlreiche Experimente stattfinden können. Für Neumann sind Impulse in dieser Phase wie die Luft zum Atmen. Als Nächstes sei es wichtig, die Inhalte durch echte Erfahrungen zum Leben zu erwecken: „Meine Figuren sind Konstrukte ... Alle Zutaten kommen aus der Wirklichkeit.“ Schreibphase In der eigentlichen Schreibphase nutzt Jan Neumann die erste Hälfte des Tages gemeinsam mit den Schauspielern und die andere Hälfte, um zu schreiben. Dadurch besteht die Möglichkeit, die Texte direkt zu erproben und ihr Gelingen auf Herz und Nieren zu prüfen. Im optimalen Fall ergibt sich dadurch neuer Stoff für die nächste Szene. Der endgültige Text sei in der Regel erst ungefähr zwei Wochen vor der Premiere fertig, eventuelle Kürzungen und Änderungen können trotzdem noch vorgenommen werden. Große Bedeutung kommt den Schauspielerinnen und Schauspielern bei einer Stückentwicklung zu. Für Jan Neumann ist der Schauspieler nicht nur eine Marionette des Regisseurs oder des Stoffes, sondern (...)
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